Verfall und Wandlung dörflicher Siedlungsstrukturen in der Prignitz durch Enteignung, Leerstand und Abriß nach 1945 – eine kritische Analyse von Torsten Foelsch

Überarbeitete Fassung eines Vortrags in Döllen am 17. Juni 2008 auf dem Forum „ Epoche der Boden- und Industriereform“ organisiert von FRE

Das Phänomen der ländlichen Wüstungen kennt die Prignitz seit dem Hochmittelalter, als nach der ersten Periode ländlicher Kolonisation und Siedlung des 12. und 13. Jahrhunderts vor allem im Verlaufe des 14. und 15. Jahrhunderts infolge eines einsetzenden Klimawandels, einer schwachen Agrarkonjunktur, unzureichender Ertragsfähigkeiten einzelner Dörfer und z. T. auch der Fehdezeiten ein nicht unerheblicher Teil der hochmittelalterlichen Dorfgründungen wieder aufgegeben wurde. Lieselott Enders konnte zu diesem Prozeß für die Prignitz zusammenfassend eine quellenkundlich erschlossene Übersicht geben. „Von den 451 namentlich bekannt gewordenen mittelalterlichen Siedlungen der Prignitz wurden einige bereits im Hoch-, die meisten der aufgelassenen aber erst im Spätmittelalter wüst, insgesamt 192 (42,6 %). Davon entfallen drei auf Einzelhöfe, 189 auf die 428 Dörfer (44,2 %). Mehr als zwei Fünftel der im Hochmittelalter vorhandenen und neu angelegten Siedlungen sind also im Verlauf der 200 Jahre danach gänzlich verschwunden.“1

Zäsuren bedeuteten in späteren Zeiten dann die Gründungen adliger Eigenbetriebe im 16. Jahrhundert, die Folgen des 30jährigen Krieges mit ihren Wüstungserscheinungen, die Siedlungsprogramme der friderizianischen Binnenkolonisation des 18. Jahrhunderts mit ihren zahlreichen Dorf- und Vorwerksneugründungen, die Stein-Hardenberg-Reformen mit der Veränderung dörflicher Siedlungsstrukturen infolge der Separationen und Dienstablösungen, schließlich die Siedlungstätigkeit auf dem Lande nach dem ersten Weltkrieg durch regionale Siedlungsgesellschaften, dann vor allem aber tief einschneidend und bis heute fortwirkend die fundamentalen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1945. Diese unterschiedlichen geschichtlichen und wirtschaftlichen Prozesse haben in all den Jahrhunderten nach dem Wendenkreuzzug von 1147 das Siedlungsbild der Prignitz, das einem ständigen Wandel unterliegt, entscheidend geprägt und immer wieder neu geformt. Diese Entwicklung ist kein abgeschlossener Prozeß, sondern ein eher dynamisch zu nennender Vorgang, den man in wirtschaftlichen Krisenzeiten durch eine weitsichtige Steuer-, Wirtschafts- und Siedlungspolitik vielleicht sogar lenken könnte. Der jetzige Bundeskanzler nennt gern unvorhersehbare weltwirtschaftliche Verwerfungen als Ursache für die derzeitige Krise unserer Wirtschaft, um eigene gravierende Fehler nicht eingestehen zu müssen und den Blick auf die eigentlichen Ursachen von Massenarbeitslosigkeit und Völkerwanderung auszublenden. Die andere Seite der weltumspannenden wirtschaftlichen Verflechtungen, der Globalisierungswahn, erweist sich doch immer mehr als ungebändigte und unbeherrschbare zerstörerische Kraft, die wie eine Flutwelle aus dem Nichts über bestehende Systeme hereinbrechen kann.

Die entschädigungslosen Enteignungen von über 8.000 Eigentümern und Pächtern landwirtschaftlicher Betriebe mit mehr als 100 Hektar Gesamtgröße und damit über 4.000 Landwirten kleinerer Betriebe in der SBZ zwischen 1945 und 1949 auf Grund der von deutschen Kommunisten geplanten und verordneten und von den Russen gebilligten sogenannten „demokratischen Bodenreform“, waren und bleiben vor der Geschichte schwerwiegendes Unrecht und ein Willkürakt, der jeder rechtsstaatlichen Legitimation entbehrte! Daß diese Konfiskationen außerdem mit dem damals geltenden Alliierten Besatzungsrecht nicht vereinbar waren, ist vielfach erwiesen. Mehr noch, wer heute noch die Eigentumskonfiskationen von 1945 bis 1949, insbesondere die sogenannte „demokratische Bodenreform“, als sozialistische Errungenschaft verteidigt, die damit verbundenen Verbrechen und Untaten wider besseres Wissen vorsätzlich verschweigt, leugnet oder verharmlost, führt seine Mitbürger bewußt in die Irre, versteckt sich hinter politischen Legenden, begeht damit Geschichtsfälschung und befördert schließlich die weitere Erosion des Rechtsbewußtseins! Tatsächlich sind nämlich alle damals Enteigneten die Opfer von Repressionen rein politischer Natur gewesen, also von politischer Verfolgung, politischen Zwangsmaßnahmen, politischen Gewalttätigkeiten. So dienten die strafrechtlichen Willkürmaßnahmen dazu, das Vermögen dieser Opfer durch ihre Haft, Verschleppung, Vertreibung oder Hinrichtung, herrenlos zu machen, um sich dann des „herrenlosen“ Gutes zu bemächtigen.

„Tausende von politisch völlig unbelasteten Familien, selbst schärfste Gegner des Naziregimes und anerkannte Opfer des Faschismus sind unter Anwendung faschistischer Methoden von Heim und Herd vertrieben, ohne jedes Recht aus ihrer Heimat ausgewiesen, ihrer Freiheit und nicht nur ihres gesamten Landbesitzes, sondern auch ihrer gesamten persönlichen Habe beraubt worden...“ kritisierte schon unmittelbar nach Beginn der „Bodenreform“ ein Papier der CDU (Ost) die zum „terroristischen Klassenkampf“ ausgearteten Praktiken der Bodenreform! Wer sich nach Erlaß der Ausweisungsbefehle nicht schnell genug in den Westen oder in den alliierten Teil von Berlin absetzen konnte, lief Gefahr in eines der berüchtigten Sammellager auf die Insel Rügen (Prora) oder nach Thüringen verschleppt zu werden, wie die zahllosen Schicksalsberichte Betroffener, beispielsweise über die Deportation in Viehwaggons nach Rügen ohne Rücksicht auf Alter oder Gesundheit oder schließlich die Elendsmärsche vom Stralsunder Bahnhof zum Rügendamm beweisen. Diese Willkür erinnert beklemmend an Nazimethoden wie Sippen- oder Standeshaftung, nur mit umgekehrten Vorzeichen.2

Bis heute wird von den Befürwortern der Bodenreform-Ergebnisse immer noch dreist verschwiegen, daß 40 % derjenigen, die die Rückgabe ihres im Zusammenhang mit den Enteignungen zwischen 1945 und 1949 geraubten Eigentums beantragt haben, nicht Westdeutsche sind, sondern in der SBZ/DDR zurückgebliebene Bürger! Von den enteigneten Unternehmen sind es sogar 60 %. Ihnen spricht man damit also ihr moralisches Recht auf Rehabilitierung und Rückerlangung ihres Eigentums ab. Die politische Propaganda in unserem Vaterland und mit ihr große Teile der doch sonst so oft moralisierenden Medienlandschaft hat es bisher gut verstanden, zu verschweigen, daß neben dem Guts- und Großbauernland (Stichwort über 100 Hektar) auch kirchliche Güter (in der Prignitz z. B. die Ländereien der Klöster-Stifte Marienfließ und Heiligengrabe), Industrieunternehmen, mittelständische Gewerbebetriebe wie Mühlen, Brauereien, Zuckerfabriken, Brennereien, Wohnhäuser, die sogenannten „Mauergrundstücke“, Zonengrenzland, unbebaute andere Grundstücke u. a. m. enteignet wurden!

Es ging den kommunistischen Machthabern in der SBZ nicht, wie gebetsmühlenartig immer wieder argumentiert wird, um die Auflösung einer „extremen Ungleichverteilung des Bodens im Interesse von Menschen, die ihn existentiell brauchten“! Neben dem konservativen grundbesitzenden Adel wollte man vor allem auch den bürgerlichen Mittelstand, der keinen Platz in einer kommunistischen und eigentumsfeindlichen Gesellschaft hatte, zerschlagen! Es ging um die Herbeiführung einer bewußten Veränderung der Sozialstruktur eines ganzen Landes. Außerdem wollte man mit diesen repressiven Maßnahmen, die bar jeder wirtschaftlichen Vernunft waren, den Boden für die Umwandlung der ländlichen Verhältnisse nach sowjetischem Muster bereiten. Was ebenso oft in der verlogenen Argumentation derer, die den „Junkerhaß“ schüren, unterschlagen wird, ist folgende Tatsache: Rund 70 % der rund 11.000 in der SBZ und dann folgenden DDR enteigneten Agrarbetriebe hatten nichtadlige Eigentümer. Nur 30 % waren in adliger Hand. 4.000 (36 %) von diesen 11.000 Betrieben besaßen sogar weniger als jene 100 Hektar, die als Eigentumsgrenze festgelegt worden waren, im Durchschnitt je Betrieb nur 29 Hektar. Weitere 3.000 Betriebe (27 %) verfügten über 100 bis 200 Hektar, weitere 3.000 (ebenfalls 27 %) über 200 bis 500 Hektar. Rund 1.000 Betriebe hatten zwischen 500 und 1.000 Hektar, knapp 70 mehr als 1.000 Hektar.

Für den Kreis Ostprignitz (Grenzen vor 1952) beispielsweise ergibt die Analyse der Eigentumsverhältnisse zu Beginn der Enteignungen (Stand 1.10.1945) folgendes Bild: von den insgesamt 182 Betrieben, die über mehr als 100 Hektar Grundbesitz verfügten, waren 27 in adliger Hand (14,9 %, davon 18 mit mehr als 500 Hektar, 9 mit weniger als 500 Hektar), 141 in bäuerlichem oder bürgerlichem Besitz (77,5 %, davon 129 mit weniger als 500 Hektar, 12 mit mehr als 500 Hektar), 14 Betriebe (7,6 %) gehörten bestimmten Kommunen, Aktiengesellschaften oder kirchlichen Institutionen. Insgesamt standen im Kreis Ostprignitz 58.797,66 Hektar zur Aufteilung an, 3 Betriebe (die Güter Holzhausen und Horst und das Stiftsgut Rapshagen) mit insgesamt 2.156,62 Hektar wurden nicht aufgeteilt.3

Gravierend und bis heute im Gange sind die Veränderungen des Siedlungsbildes durch die sich ständig wandelnden Produktionsverhältnisse infolge zunehmender Industrialisierung auf dem Lande und besonders auch durch die Folgen des Zweiten Weltkrieges. Zunächst waren durch die Vorordnungen der sogenannten Bodenreform von 1945 ff. und damit zusammenhängender Befehle der Sowjetischen Militäradministration vor allem Gutssiedlungen davon betroffen. Durch Enteignung, Fremdnutzung, Nutzungsänderungen und oft rigorosem Abriß von Gutsgebäuden sowie dem dann folgenden Neubauernprogramm (ab 1947) ist das städtebauliche Gefüge der Gutsanlagen und damit oft auch ihre historisch gewachsene Einbindung in einzelne Dorfstrukturen z. T. erheblich und in vielen Fällen zum Nachteil des dörflichen Erscheinungsbildes verändert worden.4

Das von der kommunistischen Propaganda postulierte Ziel der Bodenreform, den enteigneten Großgrundbesitz in die Hände der Bauern zu übergeben, und daß sich der Grundbesitz „in unserer deutschen Heimat auf feste, gesunde und produktive Bauernwirtschaften stützen [solle], die Privateigentum ihres Besitzers sind“, war nichts anderes als eine Lüge, mit der man den Boden für die tiefgreifenden Umwälzungen auf dem Lande bereitete, die die Liquidierung der klein- und mittelbäuerlichen Betriebe vorsahen. In Zeiten bitterster Not opferte man dieser Politik zunächst die funktionierenden Gutswirtschaften und bäuerlichen Betriebe und demontierte somit in Wirklichkeit die wichtigen Ernährungsgrundlagen. Über den Umweg lebensunfähiger Kleinstbetriebe wollte man das sozialistisch-kollektivistische und zentralgesteuerte Agrarsystem, also die Latifundienwirtschaft nach sowjetischem Vorbild, installieren und den „Klassenkampf auf dem Lande“ für sich entscheiden. Wie irrsinnig diese Maßnahmen und insbesondere auch der Befehl zum Abriß der enteigneten Gutsgebäude vor dem Hintergrund drängender Hungersnöte und Wohnungsnot erscheinen, machen folgende Beispiele deutlich.

Land, Wald und totes Inventar wurden im Zuge der Bodenreformmaßnahmen durch Los verteilt, somit war beispielsweise eine bestimmte Siedlerin nach eigener Aussage Besitzerin von einem guten und einem schlechten Stück Land, einem Achtel einer Wiese, dem Hühnerhof, einem Viertel des Gemüsegartens, einer guten Kuh, dem schlechtesten Pferd, vier Schafen, vier Lämmern, dem schwersten Ackerwagen, einer Holzwalze, eines halben Anteils an einer Schubkarre, eines Viertels des Kuhstalles, eines Zehntels einer Scheune und eines Zwölftels des Schweinestalles geworden. Das Loskrebsen eines jeden Siedlers konnte beginnen – im Rückwärtsgang!

Mehr noch, durch die Parzellierung von insgesamt 1,6 Millionen Hektar in der SBZ kam es zu einem Minderertrag von 10,5 Doppelzentnern je Hektar, was einen jährlichen Ausfall an landwirtschaftlicher Marktleistung von insgesamt 1.733.400 Tonnen ausmachte! Diese Zahlen überraschen nicht, wenn man bedenkt – was ja eigentlich selbstverständlich ist –, daß auf einer großen Fläche mit einem entsprechend größeren Kapital, mit einem stärkeren Maschinenaufwand, daher auch mit der Möglichkeit intensiverer Bodenbearbeitung, mit Tiefkultur und Zwischenfruchtanbau wesentlich höhere Erträge erzielt werden können und müssen, als das beim Kleinstbetrieb von durchschnittlich 6 Hektar, wie ihn die Bodenreform zu Tausenden flächendeckend installiert hatte, überhaupt denkbar war.

Ein Beispiel: Das Gut Hoppenrade in der Ostprignitz umfaßte vor der Enteignung rund 3.400 Morgen Kulturboden, der mit einem Dampfpflug, 5 Traktoren und ca. 50 Pferden bewirtschaftet wurde. Die lebende Anspannung, auf fast 70 Morgen ein Pferd, war infolge der starken Mechanisierung denkbar gering. Nach der Aufsiedlung des Gutes waren im Jahre 1946 schließlich 170 Siedler vorhanden, die 170 Pferde brauchten, wenn sie sie vielleicht auch noch nicht hatten. Denn ein Austausch dieser Pferde war mindestens während der Bestellung und der Ernte auf Dauer nicht möglich. Die Differenz gegenüber dem Zustand vor 1945 betrug 120 Pferde! Die Futterkosten für 1 Pferd beliefen sich auf 40 Zentner Hafer im Jahr, wobei Raufutter in Hafer umgerechnet ist. Es bestand also nach Aufsiedlung ein Futtermehrbedarf von 120 x 40 = 4.800 Zentner Hafer! Bei den damaligen Ernteverhältnissen von höchstens 10 Zentnern pro Morgen betrug der erforderliche Flächenmehrbedarf also 480 Morgen, was 14 % der gesamten Nutzfläche, die mit diesen Konstruktionen der Marktlieferung entzogen wurde, entsprach. Die Flächenverluste für die Marktlieferung, die durch die zahllosen Siedlungsgehöfte, durch neue Ackergrenzen für Tausende von kleinen Flächen, durch neue Wege usw. damals entstanden, sind hierbei noch nicht einmal berücksichtigt.5

In einer Zeit, in der bitterste Hungersnot herrschte und eigentlich alles auf die Erhaltung und Förderung der Produktion ankam, wurden bar jeder Vernunft voll eingerichtete und sehr leistungsfähige Wirtschaften zerschlagen. Schon wenige Jahre später, 1948/49, begann mit der schrittweisen Demontage des bodenständigen Mittel- und Großbauernstandes die eigentliche Sowjetisierung der Landwirtschaft. Rund 24.000 Bauern mit Wirtschaften über 20 Hektar Größe (= 694.000 Hektar) wurde bis 1953 die Bewirtschaftung ihrer Höfe entzogen. Im Bereich des Landes Brandenburg wurde den bestehenden Bauernwirtschaften unter 100 Hektar empfohlen, sich zu dörflichen Genossenschaften zusammenzuschließen. Um diesen Prozeß zu beschleunigen, wurden alle Wirtschaften über 15 Hektar durch ein neues Abgabesoll ab 1.1.1949 erheblich höher als im Jahre 1948 belastet. Das führte in vielen Fällen zwangsläufig zur Verschuldung und damit zur Abhängigkeit gegenüber dem kommunistischen Staatsprinzip. Wer sein Soll erfüllte, dem wurde es im nächsten Jahr höher gesetzt. Wer es nicht erfüllte, mußte mit Enteignung wegen „Sabotage des Zweijahresplanes“ rechnen. Ganze Dorfgemeinschaften zogen es in den 50er Jahren unter diesen unerträglichen Umständen vor, ihre traditionsreichen Höfe aufzugeben und flohen des Nachts über die „grüne Grenze“ in die Freiheit und schufen sich im Westen eine neue Existenz (Beispiele hierfür sind u. a. die Dörfer Helle, Tacken, Groß Welle, Kletzke, Kunow). Einer schrittweisen Kollektivierung der Landwirtschaft stand nun bald nichts mehr im Wege. Die nur kümmerlich am Leben gehaltenen Kleinstwirtschaften der Siedler empfanden diese meist noch als willkommene Erlösung von ihrem Dasein als freie Bauern unter ständiger Soll-Erhöhung, doch frei waren sie ja nach der Bodenreform nie und auch nach der Kollektivierung sollten sie es nicht sein!6

Mit der bauernfeindlichen kommunistischen Kollektivierungs- und Gleichschaltungspolitik der 50er und 60er Jahre ging ein Sterben einzelner Bauernhöfe einher, dessen Folgen in Form aufgelassener Gehöfte, leerstehender Wohnhäuser, verfallener oder abgerissener Wirtschaftsbauten bis heute wahrnehmbar ist. Parallel dazu entstanden an den Ortsrändern aber auch in den Ortskernen vielfach in großem Maßstab neue, architektonisch und qualitativ meist dürftige Plattenbausiedlungen und Wirtschaftsgebäude für die durch die Kollektivierungsmaßnahmen erheblich vergrößerten landwirtschaftlichen, jetzt meist genossenschaftlichen Betriebe. Diese Bauten für die Großraumwirtschaft lösen bis heute die traditionellen, vielfach das Ortsbild architektonisch wie städtebaulich bestimmenden Wirtschaftsgebäude ab, in deren Erhaltung auch aus Gründen eines permanenten Materialmangels nicht investiert wurde. Vielfach äußert sich das in einer Zersiedlung der alten Ortsrandlagen.

Angesichts der fundamentalen gesellschaftlichen und auch politischen Umwälzungen der letzten 50 Jahre, gerade in Mitteldeutschland, hat sich allerdings auch ein deutlicher Wertewandel vollzogen, der die Besinnung auf Traditionen, die eigene Geschichte und die landsmannschaftliche Identität immer mehr vernebelt und in dem konfessionelle Bindungen scheinbar immer weniger eine Rolle spielen. Daneben vollzieht sich gegenwärtig vor unseren Augen aber auch ein rasanter, die gesamte Gesellschaft berührender wirtschaftlicher und auch sozialer Strukturwandel, der sich insbesondere in den ländlichen Bereichen durch eine anhaltende Landflucht, immer mehr um sich greifende Zersiedlung im Dunstkreis der Ballungsräume, architektonische Verkümmerung und verstärkt auch durch eine zunehmende Wüstung alter Siedlungsplätze bemerkbar macht und die Erhaltung der historisch gewachsenen Kulturlandschaft immer schwieriger gestaltet. Dies betrifft in erster Linie die noch erhaltenen alten Gutsanlagen mit ihren Herrenhäusern und Wirtschaftshöfen zunehmend aber auch die vielen Bauerngehöfte, deren orts- und landschaftsbildprägende Wirtschaftsgebäude kaum noch genutzt und schließlich immer öfter dem Verfall preisgegeben werden. Gerade die letzten zehn Jahre bedeuteten insbesondere für viele alte Gutsanlagen und ihren wertvollen historischen Gebäudebestand mehr Substanzverlust, als in den 40 Jahren zuvor, gerade auch, weil sich hier die Unfähigkeit der Politik für wirklich weitsichtige und abschließende Regelungen als besonders fatal erwiesen hat!

Bereits durch diese Entwicklung begünstigt, durch die wirtschaftlichen Veränderungen nach der Wiedervereinigung aber noch verstärkt, stellt sich die Erhaltung und sinnvolle wirtschaftliche Nutzung der historisch gewachsenen Hofanlagen mit ihren Wirtschaftsgebäuden immer häufiger als Problem dar. Die unseligen Entscheidungen hinsichtlich der Enteignungen zwischen 1945 und 1949, die durch politische Gefälligkeitsurteile abgesegnet wurden und die weitgehend fehlgeschlagene Treuhandpolitik führten seit 1990 schlagartig zur deutlichen Verschlechterung der Situation bei den ehemaligen Gutsanlagen und Bauerngehöfte, da in die Unterhaltung der noch genutzten und zunehmend leerstehenden Wirtschaftsgebäude und Guts- und Bauernhäuser plötzlich überhaupt nicht mehr investiert wurde und handlungsfähigen Alteigentümern die Rückgabe ihrer Betriebe bis heute verweigert wird, dagegen aber die staatliche Verwaltung dieser Treuhandliegenschaften gleichzeitig mit gigantischen Kosten zu Buche schlägt.7
Die Folgen sind u. a. ein extremer Instandhaltungsstau bei den betroffenen noch vorhandenen und oft auch denkmalgeschützten baulichen Anlagen der alten Gutshöfe und oft auch ihrer Gutshäuser, die nun vielfach leer stehen und verfallen, z. T. sogar über öffentlich geförderte ABM abgerissen werden. Schwerer wiegen allerdings der enorme moralische und wirtschaftliche Schaden dieser eigentumsfeindlichen Politik. Statt der Erlöse in Höhe von 600 Milliarden Deutsche Mark, die sich die damalige Bundesregierung aus dem Verkauf des von einer Rückgabe ausgeschlossenen ehemaligen Volkseigentums (also der Bodenreformbeute) durch die Treuhandanstalt erhoffte, hat sie bis 2002 nach Aussagen des ehemaligen Bundesbankpräsidenten Pöhl 270 und nach Einschätzung von Altbundeskanzler Helmut Schmidt sogar 400 Milliarden Deutsche Mark Verlust eingefahren! So muß die Treuhand bzw. die BVS nach einem Gutachten von 1997 den sogenannten Treuhandwald mit 300 DM je Hektar und Jahr subventionieren, was allein bis zu dem damaligen Zeitpunkt einen Verlust von 2,1 Milliarden Deutsche Mark ergeben hat.

Die Folgen dieser bis heute anhaltenden Politik sind geradezu katastrophal: Fehlende (Mittelstands-) Investitionen in den neuen Bundesländern, hieraus resultierend eine extrem hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung von überwiegend jüngeren Menschen in den Westen der Bundesrepublik, Hunderttausende leerstehende Wohnungen, ein immenser Verfall von Kulturgut und Immobilien, kein sich selbst tragender Aufschwung im Osten, somit riesige Ausfälle an Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen, zahlungsunfähige Kommunen und als Folge noch über Jahrzehnte Geldtransfers von West nach Ost. Mit der längst entlarvten Behauptung der Kohl-Regierung, es sei eine russische Bedingung gewesen, daß den in der SBZ Enteigneten ihr Eigentum nicht zurückgegeben werden dürfe, weil es sonst keine Wiedervereinigung gäbe, hat diese Regierung nicht nur dem Deutschen Bundestag eine Änderung des Grundgesetzes (Artikel 143, Abs. 3) sondern auch dem Bundesverfassungsgericht zwei politische „Entscheidungen“ zum Nachteil der Enteigneten und zu Lasten des Rechtsstaates abgenötigt und damit gewaltige Impulse für den Aufbau „Ost“ ungenutzt verpuffen lassen.

Wie weit die Gegner einer Rückgabe von Bodenreform-Ländereien und –Immobilien an die alten Eigentümer von rechtsstaatlichen Wertevorstellungen und Grundsätzen entfernt sind, beweisen die bis heute immer wieder aufgeworfenen Behauptungen, daß mit der Rückgabe neues Unrecht entstehen würde und die Siedler von ihren Flächen vertrieben würden. Außerdem seien durch die Lastenausgleichszahlungen der Bundesrepublik Deutschland die Enteignungsopfer hinreichend entschädigt worden. Diese Argumentation erinnert an Zeiten bösester Propagandalügen des kalten Krieges. Diese Leute und viele andere auch, die es besser wissen müßten, verschweigen wissentlich, daß es den Betroffenen der Enteignungen von 1945 bis 1949 nicht um die Siedlerflächen, sondern um den von der Treuhand mit einem gewaltigen Milliardenaufwand verwalteten Staatsbesitz aus der Bodenreform, bei voller Anerkennung bestehender privater Nutzungsrechte wie Pacht- und Mietverträge, geht und das die erfolgten Lastenausgleichszahlungen kaum einer angemessenen Entschädigung entsprachen.

Das mag ein weiteres Beispiel aus der Ostprignitz illustrieren, wo dringend benötigtes Kapital für Investitionen durch die Rückgabeverweigerung des Staates an die Alteigentümer für teure Rückkäufe praktisch sinnlos gebunden wurde. Gisbert Gans Edler Herr zu Putlitz wurde nach dem Tode seines Vaters, Waldemar zu Putlitz (1888-1945) am 2. Mai 1945 Eigentümer des Rittergutes Groß Pankow und als solcher dann im Herbst 1945 durch die „Bodenreform“ entschädigungslos enteignet. Er hat für den Gesamtbesitz ca. 1980 Lastenausgleichszahlungen in Höhe von 50.000 Deutsche Mark erhalten, und weil durch die späte Bearbeitung viele Zinsen aufgelaufen waren, weitere 20.000 Deutsche Mark, also in der Summe 70.000 Deutsche Mark. Diese Entschädigung für „entgangene Nutzung“ betraf 800 Hektar Land, einschließlich der Forstflächen und der Karpfenteiche, bei immerhin leichten Böden, ferner das Gutshaus, den Park von ca. 4 Hektar, Gartenland mit Obstwiese für Hühnerhaltung, ein Gewächshaus, einen Viehhof mit Kuhstall, einen Pferdestall/Scheune und einen Schafstall, getrennt davon einen Schweinestall sowie einen Wirtschaftshof mit Kartoffelspiritus-Brennerei, Kornspeicher, Stellmacherei, Schmiede, Kutschpferdestall, Remise, Waschhaus sowie eine zweite Reihe Geräteschuppen. Zum Gut gehörten außerdem ein großes massives Wohnhaus auf dem Gutshof (Inspektorhaus bzw. Witwensitz) und im Dorf drei Wohnhäuser sowie das Gasthaus an der Landstraße.

Als nach der Wende 1992 ein Vetter des enteigneten Gisbert zu Putlitz das Gutshaus, das Inspektorenhaus und den Park des Gutes Groß Pankow erwerben wollte, um dort eine moderne Augen-Tagesklinik mit ca. 40 Beschäftigten einrichten zu können, forderte der Landkreis Pritzwalk, dem die Liegenschaften damals gehörten, allein für Gutshaus, Inspektorenhaus, 5 Hektar Park, Familienfriedhof und Gartenland 600.000 Deutsche Mark als Kaufpreis! Der Käufer argumentierte sehr richtig, daß der Wert ja sicherlich weit überhöht geschätzt sei, z. B. war ein völlig wertloser primitiv gemauerter Gartenschuppen im Park mit 20.000,- DM in der Schätzung angegeben. Das vollkommen baufällige Gutshaus mit dem Inspektorenhaus wurde bis 1992 als Außenstelle eines Kreiskrankenhauses genutzt, der Park war verwildert und teilweise als Müllkippe benutzt. Der damalige Landrat (SPD) meinte, man könne der Bevölkerung nicht klarmachen, daß ein stattliches Gebäude, wenn auch heruntergewirtschaftet, das als Krankenhaus benutzt wird, nur eine DM wert sein sollte und hat sich dann auf einen Gesamtpreis von 400.000 Deutsche Mark eingelassen, dabei das Gutshaus innerhalb dieser Summe noch hoch angerechnet und den denkmalgeschützten Park zu sehr niedrigen Preisen. Auch diese Summe war sicherlich noch immer ungerechtfertigt hoch, Gegengutachten und weitere Verhandlungen hätten dem Käufer sehr in Verzug gebracht und er hätte nicht wie geplant vor der Seehofer'schen Niederlassungssperre eine Gemeinschaftspraxis in den neuen Bundesländern aufmachen können. Der Käufer ließ sich von diesen ungerechtfertigten Hürden nicht irritieren und ging auf die Forderungen ein, denn für seine Pläne waren allein die familiengeschichtlichen Verwurzelungen mit der enteigneten Heimat ausschlaggebend. Innerhalb weniger Monate nach dem Kauf investierte der Käufer dann knapp 10 Millionen Deutsche Mark in das Projekt Augentagesklinik und sanierte mustergültig das Gutshaus, das Inspektorenhaus sowie den Landschaftspark, der eine Zierde des Ortes und ganz selbstverständlich jedermann zugänglich ist.8 Die Klinik ist der größte Arbeitgeber im Dorf geworden. Will derselbe Käufer heute von der Treuhand irgendein weiteres Stückchen des alten Gutshofareals z. B. für die benötigten Patienten-Parkplätze erwerben, kostet es ihm 10.000 Deutsche Mark; für den halben verrotteten Pferdestall mit seit Jahrzehnten kaputtem Dach und dem zugehörigen Parkplatz (zweite Hälfte des Parkplatzes) investierte der Käufer schließlich noch einmal 40.000 Deutsche Mark allein in den Erwerb und anschließend dann noch ganz erhebliche Summen in die Sanierung der maroden Bausubstanz. Für Speicher, Remise und Schuppen (zu Garagen hergerichtet) mußte er dann noch einmal 81.385 Deutsche Mark an die Treuhandnachfolger zahlen, wobei sich die Kaufverhandlungen über Jahre hinzogen! Dieses Beispiel ließe sich beliebig fortführen und macht auch auf andere Weise deutlich, wie der Staat sich als Hehler betätigt und dringend notwendige Investitionen und damit wirtschaftliche Entwicklungen in den neuen Bundesländern auf diese Weise verhindert oder erschwert.

Ganz im Gegenteil zu den kursierenden, vorsätzlich Angstgefühle und Sozialneid schürenden und oft genug dümmlichen Falschdarstellungen der Realität, muß man es doch eher als Chance für einen Neubeginn und als einen Glücksfall begreifen, wenn es noch mit ihrer Heimat verbundene vertriebene Grundbesitzer gibt, die zurückkehren und zum Wiederaufbau der völlig devastierten Gutsanlagen oder Betriebe beitragen wollen, obwohl langfristig die Landwirtschaft kein wachsender Wirtschaftszweig sein wird und sie zudem bald auch der osteuropäischen Konkurrenz in starkem Maße ausgesetzt ist und die heruntergewirtschafteten altehrwürdigen Gutsgebäude zunächst erst einmal gewaltige Investitionen verlangen!

Man denke allein nur an die wirtschaftsbelebenden Wirkungen und die Kapitalzufuhr durch die alten Eigentümer, da sie – mehr vielleicht als jeder andere – ihr Eigentum in einen besseren Zustand versetzen wollen. Von diesen alten Familien ist noch am ehesten zu erwarten, daß sie – vom Kreis derer, die jetzt Treuhandflächen kaufen wollen – in den neuen Bundesländern wohnen, zur kulturellen Entwicklung beitragen und an der Erhaltung von Baudenkmälern mitwirken werden; der Staat ist dazu ja nicht in der Lage! Letzteres ist schon gar nicht von den meisten hiesigen Agrarfabriken zu erhoffen, da ihnen in der Regel die innere Bindung gerade zu den Gebäuden der alten Güter fehlt, die vielfach unsere Kulturlandschaft prägen und zu den herausragenden Kunstdenkmälern der neuen Bundesländer gehören. Sie kennen nicht die ethischen, sittlichen und kulturellen Wertevorstellungen, die mit dem alten Großgrundbesitz des Ostens zusammenhängen und auf seine Umgebung, Land und Staat ausstrahlten.

Es gibt inzwischen viele gute Beispiele für engagiertes Wirken der alten Besitzer auf ihrer heimatlichen Scholle, auch in der Prignitz. Leider sind es auf Grund der geschilderten politischen und auch ideologischen Blockaden bisher viel zu wenig solcher Beispiele. Karl Feldmeyer hat in seinem verdienstvollen Buch „Schwierige Heimkehr“ einige wenige Erfolgsgeschichten von rückkehrenden und zurückkaufenden Enteignungsopfern beschrieben, die Mut machen und auch Gegner und Pessimisten überzeugen können.9 Solange jedoch Mittelmaß und Unaufrichtigkeit in Deutschland regieren und man alle „Errungenschaften“ der kommunistischen Eigentumspolitik widerstandslos akzeptiert, wird man kaum ehrlich und guten Gewissens vorankommen. Unrecht Gut gedeihet nimmer!10

Ein spezielles Thema stellen die von dem ehemaligen DDR-Grenzregime verursachten planmäßigen Zwangsumsiedlungen der Bewohner und Abrisse ihrer Gehöfte innerhalb des Grenzsperrgebietes in der Lenzer Wische von 1961-1989 dar (z. B. Lütkenwisch). Hier ist neben dem beklagenswerten Verlust wertvoller Jahrhunderte alter Bausubstanz und ortsbildprägender Strukturen vor allem die menschenrechtsverachtende Komponente dieser Willkürmaßnahmen anzuprangern, mit der in eklatanter Weise das Recht auf Heimat mißachtet wurde. Das leidvolle Schicksal der Betroffenen Wische-Bewohner während dieser Zeit gehört sicher zu den dunkelsten Kapiteln der Prignitzer Nachkriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Eine Aufarbeitung steht hier noch immer aus und ist gerade angesichts der Ereignisse des 17. Juni 1953 mehr als überfällig.

Auch die in den Jahren zwischen 1945 und 1989 in den neunen Bundesländern erfolgte ideologische Umstrukturierung der Gesellschaft zu einer klassenlosen sozialistischen und weitgehend atheistischen Gesellschaft hat auf dem Land deutliche Spuren hinterlassen, da wo Kirchengemeinden ins Abseits gedrängt wurden und die traditionellen christlich abendländischen Werte nur noch eine untergeordnete Rolle spielten. Abrisse und Verfall von Kirchen nach 1945, die auch in der Prignitz zu verzeichnen sind (Stavenow, Wolfshagen, Klein Linde und Hülsebeck) markieren diesen Prozeß.

Heute äußert sich diese Entwicklung, die mit einem dramatischen Rückgang der Gemeindegliederzahlen einhergeht, äußerlich vielfach in der Aufgabe kirchlicher Gebäude, wie Schul- und Pfarrhäuser, die generationenlang nicht nur eine städtebauliche, sondern auch eine funktionale Einheit mit den Dorfkirchen und dem Dorfleben an sich gebildet haben. Auch der zunehmende Leerstand von Kirchen oder ihr in vielen Fällen bedenklicher Bauzustand ist in diesem Zusammenhang zu sehen und ein Warnsignal für den Zustand unserer Gesellschaft, die von einem schleichenden Werteverlust und Religionsverzicht sowie zunehmend auch von einem erschreckend schlecht entwickelten Geschichts- und Traditionsbewußtsein geprägt ist und in der eine mulikulturelle Gesellschaft als das Maß aller Dinge proklamiert wird. Diese ideologisch gefärbte Doktrin wird aber gerade das Gegenteil bewirken und unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern.

Die wirtschaftlichen Strukturen auf dem Lande änderten sich seit 1990 dramatisch durch drastische Senkung der Beschäftigtenzahlen infolge einer einsetzenden Umstrukturierung, durch vielfach erfolgte Liquidationen und eine umfassende Modernisierung der noch vorhandenen großen Genossenschaften sowie der Wiederbegründung einzelner bäuerlicher Eigenwirtschaften in den Dörfern. So oder so verlieren die einstigen Wirtschaftsgebäude der Bauern- und Gutshöfe zunehmend ihre wirtschaftliche Bedeutung, da sie für die moderne landwirtschaftliche Nutzung in vielen Fällen nicht mehr geeignet bzw. auf den Höfen der nicht mehr in der Landwirtschaft tätigen Bewohner weit öfter auch schlichtweg nicht mehr gebraucht werden und finanzielle Mittel für ihre Erhaltung daher fehlen. Nur ganz vereinzelt können sie für neue Nutzungszweige, z. B. der Tourismuswirtschaft, erschlossen werden. Hier gibt es durchaus positive Beispiele. Dennoch schreiten zunehmend Leerstand und Verfall voran.

Diese Entwicklung betrifft im wesentlichen den gesamten ländlichen Raum in der Prignitz und trifft leider auch die kirchliche Denkmalpflege! Zwar konnten seit 1990 durch staatliche Förderungen viele Kirchen restauriert oder vom Verfall bewahrt werden, dennoch ist der Nachholbedarf gerade in den neuen Bundesländern nach wie vor enorm und - gleichermaßen wie bei den Gutshäusern - ganz erheblich von den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen nach 1945 sowie in der kirchenfeindlichen Politik der DDR beeinflußt. Dies wird zum einen in der stetig zurückgehenden Zahl der Gemeindeglieder in den Kirchengemeinden, zum andern aber auch in den sehr vielen baufälligen Kirchengebäuden deutlich. Mit der Umerziehung der Nachkriegsgenerationen zum Atheismus hat man viele Menschen auch geistig entwurzelt und jedwedes Traditionsdenken untergraben, so daß heute auch zurückgehende Gemeindegliederzahlen bei den Überlegungen, die eine oder andere Kirche aufzugeben, leider bereits eine Rolle spielen. Man hat - und das wird leider immer wieder vergessen oder verschwiegen - vor allem auch mit der Abschaffung des in Jahrhunderten gewachsenen und erfolgreich praktizierten Patronatsrechts im Jahre 1946 aber auch mit den Enteignungen von Kirchenländereien im Zuge der sogenannten Bodenreform 1945 den meisten Kirchengemeinden wichtige wirtschaftliche Grundlagen für die Bauunterhaltung entzogen, ohne dafür jemals staatlicherseits einen Ausgleich geschaffen zu haben. Darüber können auch die sicherlich gut gemeinten Förderprogramme der ersten Nachwendejahre, über die sehr viele Kirchenbauten restauriert werden konnten, nicht hinwegtäuschen. Dies trifft auch auf den Staatskirchenvertrag zu, der jährliche Bauzuschüsse für den Bereich der gesamten Berlin-Brandenburgischen Landeskirche in Höhe von 5 Millionen Deutsche Mark vorsieht.

Wie auf dem Lande, so sind vor allem auch in den Städten der Mark Brandenburg heute in erster Linie die veränderten wirtschaftlichen Strukturen und ungeklärte Eigentumsverhältnisse die hauptsächliche Ursache für den voranschreitenden Verfall städtischer und industrieller Siedlung sowie die weiterhin anhaltende Abwanderung der Bevölkerung in den industriellen Westen der Bundesrepublik. Der schlagartige Wegbruch der ohnehin mageren Industrie in der Prignitz und in anderen märkischen Städten nach 1989 wird auch künftig nicht zu kompensieren sein, jedenfalls ist ein Umschwung nicht absehbar. Insofern werden auch künftig historisch gewachsene Stadtstrukturen wieder verschwinden und sich den gegebenen Verhältnissen anpassen müssen.

Das Beispiel Packhofviertel in der vom industriellen Niedergang Mitteldeutschlands besonders betroffenen Elbestadt Wittenberge, die in den letzten 10 Jahren über 10.000 Einwohner verloren hat, zeigt dies besonders deutlich. Hinzu kommt noch die in vielen Fällen verfehlte Modernisierungspolitik des Landes und vieler Kommunen, die in all den Jahren nach der Wende gegen viele Warnungen oft eben nicht offensiv in die Wiederherstellung der ruinösen Innenstädte, sondern ihrer Satellitensiedlungen mit Plattenbauten – auch auf dem Lande - investiert haben. Hieran werden auch die nervösen, viel zu späten Umdenkungsprozesse der Politik jetzt kaum noch kurzfristig etwas ändern können. Die städtischen Strukturprobleme sind aber nicht Gegenstand meiner Betrachtungen, sie gehören gleichwohl aber zum Thema der modernen ländlicher Wüstung, da sie - wie auf dem Lande - Ausfluß gravierender struktureller Wirtschaftskrisen sind, die unsere Gesellschaft immer wieder treffen und beständiger Begleiter in unserer geschichtlichen Entwicklung waren. Zu allen Zeiten gab es aber auch gesellschaftliche Kräfte und Führungsschichten, die es verstanden haben, ihr Land aus solchen Krisen herauszusteuern und eine kraftvolle Neuentwicklung einzuleiten. Derzeit fehlen derartige Signale allerdings hierzulande und es sind keine derartigen Impulse zu erkennen.

Torsten Foelsch

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