Ca­the­ri­ne Wild­gans: Rechts­wid­ri­ge Ent­eig­nung von Bo­den­re­form­wirt­schaf­ten in der Zeit von 1951 bis 1990

Im­mer wie­der gibt es in der ver­mö­gens­recht­li­chen Pra­xis Strei­tig­kei­ten um die Re­sti­tu­ti­on von Bo­den­re­form­wirt­schaf­ten, die den Ei­gen­tü­mern auf un­ter­schied­li­che Wei­se ab­ge­nom­men und in Volks­ei­gen­tum über­führt wur­den. Grund­sätz­lich und im­mer mit Hil­fe der glei­chen Ar­gu­men­ta­ti­on, meist in Form von Text­bau­stei­nen, leh­nen die Äm­ter bzw. Lan­de­säm­ter zur Re­ge­lung of­fe­ner Ver­mö­gens­fra­gen die Re­sti­tu­ti­on der Sied­lun­gen ab. Ob die­se Ent­schei­dun­gen zu­tref­fend sind oder ob ei­ne not­wen­dig dif­fe­ren­zier­te Be­trach­tungs­wei­se im Ein­zel­fall ein an­de­res Er­geb­nis ha­ben müss­te, will der nach­fol­gen­de Bei­trag un­ter­su­chen.

I.

In der sow­je­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne wur­de die Ab­sicht ver­folgt, pri­va­ten Groß­grund­be­sitz in "klein­tei­li­ges land- und forst­wirt­schaft­li­ches Pri­vat­ei­gen­tum" um­zu­wan­deln. Die­se In­ten­ti­on er­gibt sich aus dem Ge­setz für die Bo­den­re­form der ein­zel­nen Län­der Thü­rin­gen, Sach­sen, Sach­sen-An­halt, Bran­den­burg und Meck­len­burg, sämt­lich er­las­sen in der Zeit vom 05. bis 11. Sep­tem­ber 1945. Ar­ti­kel I Ab­satz 1 letz­ter Satz de­fi­niert die Rechts­po­si­ti­on der "Neu­bau­ern": das zu­ge­teil­te Land soll Pri­vat­ei­gen­tum wer­den, wie es dann auch in der Zu­tei­lungs­ur­kun­de fest­ge­hal­ten wur­de. Der Ei­gen­tums­sta­tus wur­de im Grund­buch ein­ge­tra­gen mit der Ein­schrän­kung, dass die aus der Bo­den­re­form stam­men­den Flä­chen nicht ge­teilt, ver­pach­tet oder ver­pfän­det wer­den dür­fen. Der Ei­gen­tums­po­si­tion tut je­doch die Be­schrän­kung durch die Ein­tra­gung in der zwei­ten Ab­tei­lung des Grund­bu­ches kei­nen Ab­bruch. Im Üb­ri­gen han­del­te es sich um Ein­schrän­kun­gen, die be­reits das preu­ßi­sche An­er­ben­recht und das Reich­serb­hö­fe­ge­setz kann­ten.

Die Ei­gen­tums­ver­hält­nis­se, die Ei­gen­tums­ver­än­de­rungs­mög­lich­kei­ten so­wie die er­brecht­li­chen Mo­da­li­tä­ten wa­ren ge­setz­lich ge­re­gelt wie folgt:

1.

Die Ver­ord­nung Num­mer 19 der Lan­des­ver­wal­tung Meck­len­burg über die Bo­den­re­form vom 05.09.1945 lau­tet in Ar­ti­kel VII: "Die Ge­rich­te ha­ben je­dem Bau­ern, der Land im Zu­ge der Bo­den­re­form er­hal­ten hat, ei­ne Ab­schrift des für ihn an­ge­leg­ten Grund­buch­blat­tes aus­zu­hän­di­gen. Die Ka­tas­ter­äm­ter ha­ben ei­nen La­ge­plan die­ses Grund­be­sit­zes an­zu­fer­ti­gen und dem Ei­gen­tü­mer zu über­ge­ben. Die Ein­tra­gung sämt­li­cher im Zu­ge der Bo­den­re­form er­hal­te­nen Län­de­rei­en muss bis zum 01. Mai 1946 be­en­det sein."

Die Ver­fas­sung des Lan­des Meck­len­burg aus dem Jah­re 1947 lau­tet in Ar­ti­kel 76: "Die Ver­tei­lung und Nut­zung des Bo­dens wird über­wacht, je­der Miss­brauch ver­hü­tet. Die neue Bil­dung pri­va­ten Groß­grund­be­sit­zes mit ei­ner Flä­che von mehr als 100 ha ist ver­bo­ten. Im Üb­ri­gen wird das Ei­gen­tum der Bau­ern an Grund und Bo­den ge­währ­leis­tet. Das gilt auch für das Ei­gen­tum, das die Bau­ern auf­grund der Ver­ord­nung über die Bo­den­re­form vom 05.Sep­tem­ber 1945 er­hal­ten ha­ben."

Die Ver­fas­sung der Deut­schen De­mo­kra­ti­schen Re­pub­lik aus dem Jah­re 1949 be­stimmt in Ar­ti­kel 24 Ab­satz 6: "Nach Durch­füh­rung die­ser Bo­den­re­form wird den Bau­ern das Pri­vatei­gen­tum an ih­rem Bo­den ge­währ­leis­tet."

Das Mus­ter­sta­tut für land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­ons­ge­nos­sen­schaf­ten Typ III aus dem Jah­re 1958 legt in Zif­fer II. Bo­den­nut­zung Ab­satz 4 fest: "Der Bo­den, der von den Mit­glie­dern in die Ge­nos­sen­schaft zur ge­mein­sa­men Nut­zung ein­ge­bracht wird, bleibt Ei­gen­tum der Ge­nos­sen­schafts­bau­ern."

Al­len zi­tier­ten Vor­schrif­ten ist ge­mein, dass Bo­den­re­form­grund­stü­cke als "per­sön­li­ches Ei­gen­tum" über­ge­ben wur­den, das un­ter dem Schutz des Staa­tes steht. Es sind kei­ne Ab­wei­chun­gen von der Be­hand­lung "an­de­ren" Ei­gen­tums fest­zu­stel­len.
Die Be­son­der­heit des Bo­den­re­form­ei­gen­tums be­steht le­dig­lich da­rin, dass die Art der Nut­zung fest­ge­legt war. Die­s zu kon­trol­lie­ren, war Auf­ga­be des Staa­tes, wes­halb die freie Ver­äu­ßer­bar­keit ein­ge­schränkt war. Die Ver­wen­dung zu Guns­ten der Volks­wirt­schaft soll­te in je­dem Fall ge­si­chert sein, so­dass die Über­tra­gung der Flä­chen an Drit­te nicht oh­ne Wei­te­res, son­dern nur mit Ge­neh­mi­gung der zu­stän­di­gen staat­li­chen Stel­len mög­lich war.

2.

Auf die­ser recht­li­chen Grund­la­ge wur­den die auf­ein­an­der­fol­gen­den Be­sit­zwech­sel­ve­rord­nun­gen er­las­sen, die die nä­he­ren Um­stän­de der Nut­zung so­wie ins­be­son­de­re der Ei­gen­tumsän­de­rung re­gel­ten.
Die Ver­ord­nung über die Aus­ei­nan­der­set­zung bei Be­sitz­wech­sel von Bau­ern­wirt­schaf­ten aus der Bo­den­re­form vom 21. Ju­ni 1951 (GBl. Nr. 78, Sei­te 629) be­stimm­te zun­ächst, dass ei­ne Ver­äu­ße­rung der über­nom­me­nen Neu­bau­ern­wirt­schaf­ten grund­sätz­lich nicht ge­stat­tet war. Nur dann, wenn ei­ne Neu­bau­ern­wirt­schaft we­gen Krank­heit, Tod oder Al­ter von den bis­he­ri­gen Ei­gen­tü­mern nicht mehr be­wirt­schaf­tet wer­den konn­te, war sie zu­rück­zu­ge­ben und an neue Bo­den­be­wer­ber zu ver­ge­ben. Die Auf­ga­be ei­ner Neu­bau­ern­wirt­schaft aus per­sön­li­chen In­te­res­sen oh­ne Ge­neh­mi­gung durch die zu­stän­di­ge Kreis­bo­den­kom­mis­sion ver­stieß ge­gen die Le­bens­in­te­res­sen des Vol­kes und war des­halb un­zu­läs­sig. Im Üb­ri­gen wur­de der Bau­er bei Rück­ga­be der Wirt­schaft ent­schä­digt.

Die­se ers­te Ver­ord­nung wur­de ge­än­dert mit der Ver­ord­nung vom 23. Au­gust 1956 (GBl. I Nr. 77, Sei­te 685). Da­rin wur­den aus­schließ­lich die Vor­schrif­ten zur Ent­schä­di­gung ab­ge­än­dert. We­der war ei­ne Ab­än­de­rung zu den Ei­gen­tums­ver­hält­nis­sen noch zu den Rück­gabemo­da­li­tä­ten ent­hal­ten.

Ei­ne in­halt­li­che Ver­än­de­rung wur­de in der Ver­ord­nung über die Durch­füh­rung des Be­sit­zwech­sels der Bo­den­re­form­grund­stü­cke am 07. Au­gust 1975 (GBl. I Nr. 35, Sei­te 629) auf­ge­nom­men. Da­nach wur­den die bis­he­ri­gen Vor­schrif­ten zur Über­tra­gung des Ei­gen­tums in Be­zug auf den Be­sitz­wech­sel kon­kre­ti­siert und grund­sätz­lich der Ge­neh­mi­gung des Ra­tes des Krei­ses un­ter­stellt. Es war da­nach mög­lich, den Be­sitz­wech­sel nur hin­sicht­lich der Ge­bäu­de zum Zweck der Wohn­raum­nut­zung durch­zu­füh­ren und da­ne­ben die Flä­chen in den Bo­den­fonds zu­rück­zu­ge­ben. Schließ­lich wur­de ge­re­gelt, dass der Er­be ei­nes Ei­gen­tü­mers in die mit dem Bo­den­re­form­grund­stück ver­bun­de­nen Rech­te und Pflich­ten ein­trat, so­fern er zu dem be­wirt­schaf­ten­den Per­so­nen­kreis ge­hör­te und in der La­ge war, das Grund­stück zwe­ckent­spre­chend zu nut­zen.

Meh­re­re Er­ben muss­ten sich ei­ni­gen, wem das Bo­den­re­form­grund­stück über­tra­gen wer­den soll­te. Un­ter be­stimm­ten Vo­raus­set­zun­gen konn­te so­gar ein Er­be, der nicht dem zu­tei­lungs­fä­hi­gen Per­so­nen­kreis an­ge­hör­te, je­den­falls das Nut­zungs­recht an dem zum Grund­stück ge­hö­ren­den Wohn­haus er­hal­ten. Erst dann, wenn die Vo­raus­set­zun­gen für die Über­tra­gung des Nut­zungs­rechts nicht ge­ge­ben wa­ren, war das Bo­den­re­form­grund­stück in den staat­li­chen Bo­den­fonds zu­rück­zu­füh­ren.

Die zwei­te Ver­ord­nung über die Durch­füh­rung des Be­sitz­wech­sels bei Bo­den­re­form­grunds­tü­cken vom 07. Ja­nu­ar 1988 (GBl. I Nr. 3, Sei­te 25) kon­kre­ti­siert den Ver­fah­rens­gang im Erb­fall da­hin­ge­hend, dass auf Ver­lan­gen des Er­ben ihm oder ei­nem sei­ner von ihm be­nann­ten Ver­wand­ten die Rech­te und Pflich­ten zur Be­wirt­schaf­tung des Bo­den­re­form­grundstü­ckes über­tra­gen wer­den, wenn die Nut­zung zweck­ent­spre­chend er­folgt. Meh­re­re Er­ben ha­ben sich zu ei­ni­gen. Die Re­ge­lung, dass das Nut­zungs­recht für das da­zu­ge­hö­ren­de Wohn­haus ab­ge­trennt wer­den kann, bleibt bei­be­hal­ten.

Mit dem Ge­setz über die Rech­te der Ei­gen­tü­mer von Grund­stü­cken aus der Bo­den­re­form vom 06. März 1990 (GBl. I Nr. 17, Sei­te 134) wur­den sämt­li­che Ver­fü­gungs­be­schrän­kun­gen auf­ge­ho­ben, so­dass ab die­sem Zeit­punkt "nor­ma­les Ei­gen­tum" ent­stand.

3.

Das Bür­ger­li­che Ge­setz­buch vom 18.08.1896 (RGBl. Sei­te 19 -BGB-) be­stimmt in §§ 1924 ff.
le­dig­lich, dass der Rechts­nach­fol­ger in die Rech­te und Pflich­ten des Erb­las­sers ein­tritt. Ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung nach Ei­gen­tums­for­men fin­det nicht statt.

Die erb­recht­li­che Re­ge­lung nach den Vor­schrif­ten des Zi­vil­ge­setz­bu­ches der DDR vom 19.06.1975 (GBl. I Sei­te 465), das mit Wir­kung zum 01.01.1976 das BGB er­setz­te, bes­timm­te in §§ 365 ff., 369, dass die Er­ben die Rechts­nach­fol­ge der Ver­stor­be­nen an­tre­ten. Auch hier er­ga­ben sich kei­ne Be­son­der­hei­ten für Bo­den­re­form­ei­gen­tum.

Die Bo­den­re­form­ur­kun­de selbst, die je­der Emp­fän­ger er­hal­ten hat­te, wies das Ei­gen­tum als ver­erb­ba­res Ei­gen­tum aus­drück­lich aus.

Un­ter Be­zug­nah­me auf die un­ter Zif­fer I. 2 dar­ge­stell­ten In­hal­te der Be­sit­zwech­sel­ve­rord­nun­gen, ins­be­son­de­re der­je­ni­gen vom 07. Au­gust 1975, ist an die­ser Stel­le noch­mals da­rauf hin­zu­wei­sen, dass je­ne Be­sit­zwech­sel­ve­rord­nung fol­ge­rich­tig be­stimmt, dass die Er­ben in die Rechts­po­si­ti­on des Erb­las­sers ein­tre­ten, was in vol­lem Um­fang der sons­ti­gen ge­setz­li­chen Re­ge­lung ent­spricht.

Selbst un­ter Be­ach­tung der Ein­schrän­kun­gen ge­mäß § 6 Ab­satz 4 Be­sit­zwech­sel­VO vom 07.08.1975, dass für den Fall, dass Bo­den­re­form­grund­stü­cke we­gen der ge­nann­ten Er­for­der­nis­se nicht an die Er­ben über­tra­gen wer­den konn­ten, stand die­sen die Mög­lich­keit of­fen, in­ner­halb ei­nes Jah­res ei­nen ge­eig­ne­ten Be­wer­ber für das Bo­den­re­form­grund­stück zu be­nen­nen. Die­se Re­ge­lung ist gleich­be­deu­tend da­mit, dass in je­dem Fall der Er­be zun­ächst Ei­gen­tü­mer wer­den muss­te, denn an­de­ren­falls kä­me ihm die ge­setz­lich ein­ge­räum­te Ver­fü­gungs­be­fug­nis nicht zu.

Aus­drück­lich wur­de im Üb­ri­gen den Er­ben für den Fall, dass sie die Wirt­schaft nicht selbst über­neh­men, ei­ne Ent­schä­di­gung kraft Ge­set­zes in Aus­sicht ge­stellt.

Im Er­geb­nis stand al­so von An­fang an auf Grund sämt­li­cher ein­schlä­gi­ger Rechts­vor­schrif­ten fest, dass es sich bei ei­ner Bo­den­re­form­wirt­schaft um Ei­gen­tum han­del­te, das auch ver­erb­bar war.

II.

Die ver­mö­gens­recht­li­chen Ent­schei­dun­gen hier­zu ba­sier­ten und ba­sie­ren auf drei Kern­aussa­gen, die zur Un­an­wend­bar­keit des Ver­mö­gens­ge­set­zes füh­ren:
1. an der Bo­den­re­form­wirt­schaft sei kein Voll­ei­gen­tum ent­stan­den,
2. Bo­den­re­form­ei­gen­tum sei nicht ver­erb­bar,
3. ein Macht­miss­brauch sei nie­mals ge­ge­ben, da die Wirt­schaft je­der­zeit in den Bo­den­fonds zu­rück­fal­len kön­ne.

1. Ei­gen­tum an der Bo­den­re­form­wirt­schaft

Ob­wohl das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt schon im­mer Ver­fü­gungs­be­schrän­kun­gen zum Ei­gen­tum zu­ge­las­sen hat­te, wenn die­se dem Woh­le der All­ge­mein­heit dien­ten und die Ver­hältnis­mä­ßig­keit ge­wahrt war (ver­glei­che nur BVerfGE 24, 367, 390 und BVerfGE 26, 115, 222), hielt dies das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zun­ächst nicht da­von ab, in sei­ner Ent­schei­dung vom 25.02.1994 (BVerwG 7 C 32.92) fest­zu­stel­len, dass Bo­den­re­form­ei­gen­tum le­dig­lich per­sön­li­ches Ar­beits­ei­gen­tum des Neu­bau­ern sei und die­ses kei­nen Ver­mö­gens­wert im Sin­ne des
§ 2 Ver­mö­gens­ge­setz (VermG) dar­stel­le, al­so ge­ra­de kein Ei­gen­tum sei. Bo­den­re­for­mei­gen­tum kön­ne näm­lich nie­mals ent­schä­di­gungs­los ent­eig­net wer­den, da ihm von vorn­he­rein im­ma­nent sei, dass im Fal­le der Auf­ga­be der Be­wirt­schaf­tung das Ei­gen­tum in den Bo­den­fonds zu­rück­fal­le.

In der nächst­fol­gen­den Ent­schei­dung vom 27.07.1995 (BVerwG 7 C 12.94) wur­de die­ser Leit­satz mo­di­fi­zie­rend ge­fasst wie folgt: "Bo­den­re­form­ei­gen­tum als blo­ßes per­sön­li­ches Ar­beit­sei­gen­tum stellt ei­nen Ver­mö­gens­wert im Sin­ne des § 2 Ab­satz 2 Satz 1 Ver­mG dar. Es hat trotz der ihm in­ne woh­nen­den recht­li­chen Be­schrän­kun­gen ei­nen ver­mö­gens­wer­ten In­halt und kann des­halb grund­sätz­lich Ge­gen­stand ei­ner un­lau­te­ren Ma­chen­schaft sein."
Im Ur­teil vom 28.06.1996 (BVerwG 7 C 8.95) wur­de erst­mals er­kannt, dass dem Be­rech­tig­ten Voll­ei­gen­tum zu­ste­he und die Re­sti­tu­ti­on nicht aus­ge­schlos­sen sei.

Seit­her hält das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt an die­ser Recht­spre­chung fest, was die Äm­ter bzw. Lan­des­äm­ter zur Re­ge­lung of­fe­ner Ver­mö­gens­fra­gen in ih­ren Ent­schei­dun­gen schlicht über­ge­hen.

2. Un­ver­erb­bar­keit

Nach­dem mehr­fach höchst­rich­ter­lich ent­schie­den wor­den war, dass Bo­den­re­form­ei­gen­tum nicht ver­erb­bar sei, nahm der Bun­des­ge­richts­hof mit sei­ner Ent­schei­dung vom 17.12.1998 (BGH in Rechts­pfle­ger 1999, Sei­te 222 ff.) da­von Ab­stand: "Mit dem Tod ei­nes Be­güns­tig­ten aus der Bo­den­re­form sind sei­ne Er­ben Ei­gen­tü­mer der dem Be­güns­tig­ten aus dem Bo­den­fonds zu­ge­wie­se­nen Grund­stü­cke ge­wor­den."
Da­mit wur­de die Ver­erb­bar­keit aus­drück­lich be­stä­tigt.

Nichts­des­to­trotz setz­te sich das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt so­gar noch in sei­ner Ent­schei­dung vom 24.06.2004 (BVerwG 7 C 21.03) da­rü­ber hin­weg. Die Rechts­stel­lung der Er­ben er­schöp­fe sich in der Aus­sicht ei­nes von ih­nen, das Ei­gen­tum an den Bo­den­re­form­grunds­tü­cken durch ei­nen Ver­wal­tungs­akt über­tra­gen zu er­hal­ten oder auf Grund ei­nes sol­chen Ver­wal­tungs­ak­tes be­hal­ten zu dür­fen. Dass der Er­be ei­nes Bo­den­re­formei­gen­tü­mers das Bo­den­re­for­mei­gen­tum nach erb­recht­li­chen Vor­schrif­ten er­wer­ben kön­ne, sei al­lein nicht ge­eignet, ei­ne Rechts­nach­fol­ge im Sin­ne von § 2 Ab­satz 1 Ver­mG zu be­grün­den.

Maß­ge­bend muss al­ler­dings die Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­ho­fes vom 17.12.1998 als zu­stän­di­ges obers­tes Fach­ge­richt sein, das die Ver­erb­bar­keit fest­ge­stellt und aus­drück­lich be­stä­tigt hat.

3. Macht­miss­brauch

Na­he­zu je­der ver­mö­gens­recht­li­che Ab­leh­nungs­be­scheid, in dem der An­trag auf Re­sti­tu­ti­on nicht be­reits an der De­fi­ni­ti­on des Ver­mö­gens­werts selbst im Sin­ne des § 2 Ab­satz 2 Satz 1 Ver­mG ge­schei­tert ist, ent­hält den pau­scha­len Hin­weis, dass An­halts­punk­te für un­lau­te­re Ma­chen­schaf­ten im Sin­ne des § 1 Ab­satz 3 Ver­mG nicht vor­lä­gen. Hier­zu wird for­mel­haft aus­ge­führt, dass Neu­bau­ern­wirt­schaf­ten zu­rück­ge­ge­ben wer­den müss­ten, wenn der Neu­bau­er die Wirt­schaft nicht mehr fort­füh­re. Die Auf­ga­be der Be­wirt­schaf­tung ha­be den Ver­lust des Bo­den­re­form­ei­gen­tu­mes zur Fol­ge, der sich nach Maß­ga­be der Be­sit­zwech­sel­ve­rord­nun­gen voll­zie­he. Ent­sprach der Be­sitz­wech­sel den in der ehe­ma­li­gen DDR gel­ten­den Rechts­vor­schrif­ten, könn­ten die­se nicht als un­lau­te­re Ma­chen­schaf­ten be­grif­fen wer­den. Im Üb­ri­gen sei der Be­sitz­wech­sel die lo­gi­sche Kon­se­quenz aus der Idee des "Ar­beits­ei­gen­tums" als ei­nes be­schränk­ten Ei­gen­tums.

Ideo­lo­gie­kon­for­me Rechts­vor­schrif­ten sei­en nicht am Maß­stab des § 1 Ab­satz 3 Ver­mG zu mes­sen, denn die dort ver­wen­de­ten Re­gel­bei­spie­le be­trä­fen Ein­zel­ak­te. Un­lau­te­re Ma­chen­schaf­ten müss­ten auf die Ent­zie­hung des Ver­mö­gens­wer­tes der­ge­stalt ge­rich­tet ge­we­sen sein, dass die Ein­wir­kung und der Ver­lust des Ver­mö­gens­wer­tes im Sin­ne ei­ner Zweck-Mit­tel-Re­la­tion un­mit­tel­bar mit­ein­an­der ver­knüpft sei. Dies sei nicht denk­bar, da die zu­stän­di­ge Kreis­bo­den­kom­mis­sion das Ei­gen­tum an der Bo­den­re­form­wirt­schaft so­wie­so ha­be ent­zie­hen kön­nen und je­der­zeit die Wirt­schaft wie­der in den Bo­den­fonds hät­te zu­rück­füh­ren kön­nen.

Bei der Lek­tü­re meh­re­rer Ent­schei­dun­gen un­ter­schied­li­cher Äm­ter bzw. Lan­des­äm­ter zur Re­ge­lung of­fe­ner Ver­mö­gens­fra­gen zu die­sem Punkt, drängt sich der Ein­druck auf, es han­de­le sich aus­schließ­lich um Text­bau­stei­ne, da auf die kon­kre­ten Um­stän­de des je­wei­li­gen Ein­zel­fal­les nicht ein­ge­gan­gen wird. Die Aus­füh­run­gen gip­feln viel­mehr sämt­lich in der Fest­stel­lung, dass der Ei­gen­tü­mer das Ei­gen­tum ha­be so­wie­so nicht be­hal­ten dür­fen und ei­n Erb­an­spruch aus­ge­schlos­sen sei. Da­her sei ei­ne un­lau­te­re Ma­chen­schaft schon im An­satz nicht denk­bar - im kras­sen Wi­der­spruch zu den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 27.07.1995 und 28.06.1996.

III. Drei Bei­spie­le für (rechts­wi­dri­ge) Ent­eig­nun­gen von Bo­den­re­form­wirt­schaf­ten:

1. er­zwun­ge­ne Ver­zichts­er­klä­rung

Der al­lei­ni­ge Ei­gen­tü­mer so­wie des­sen Ehe­frau ver­starben im Jahr 1986 und hin­ter­ließen zwei Kin­der. Die Wirt­schaft war nach der Zu­tei­lung im Jah­re 1945 mit 1.751,80 Reichs­mark be­zahlt wor­den.
Ei­ner der Söh­ne hat­te sei­ne Aus­bil­dung auf die Über­nah­me der Wirtschaft ge­rich­tet und hat­te ein land­wirt­schaft­li­ches Stu­di­um ab­sol­viert. Zum Zeit­punkt des To­des der El­tern bewohn­te er das Haus mit sei­ner Frau und Kin­dern. Den­noch er­hi­el­ten er und sein Bru­der vom Rat des Krei­ses die Auf­for­de­rung, auf das Ei­gen­tum zu ver­zich­ten und wur­den am 15.04.1986 be­stellt, um die Ver­zichts­er­klä­rung zu un­ter­zeich­nen. Beide wei­ger­ten sich. In der Fol­ge­zeit wa­ren sie er­he­bli­chen Schi­ka­nen bis zur kör­per­li­chen Miss­hand­lung aus­ge­setzt. Der Zweck des Ver­zichts soll­te die Ein­set­zung von Per­so­nen sein, die die Vo­raus­set­zun­gen der Be­sitz­wech­sel­ve­rord­nung er­füll­ten und schon lan­ge Mit­glied der LPG wä­ren. Im Ap­ril 1986 war je­doch, wie sich spä­ter her­auss­tell­te, kei­ner der überneh­men­den Ehe­gat­ten Mit­glied der LPG, son­dern sie tra­ten erst viel spä­ter ein und ar­bei­teten auch nicht in der Land­wirt­schaft. Al­ler­dings han­del­te es sich um Ver­wandt­schaft des LPG-Vor­sit­zen­den.

Die Brü­der wur­den wei­ter mas­siv be­drängt und im­mer wie­der vom Rat des Krei­ses vorgeladen, bis sie in Fol­ge der stän­di­gen Be­dro­hung im Sep­tem­ber 1986 ein Über­nah­me­pro­to­koll un­ter­zeich­ne­ten, al­ler­dings oh­ne ei­ne Ver­zichts­er­klä­rung ab­zu­ge­ben. Den­noch fand noch im Sep­tem­ber 1986 die Grund­buch­um­schrei­bung statt. Das Wohn­haus muss­te ge­räumt wer­den.

Das Amt zur Re­ge­lung of­fe­ner Ver­mö­gens­fra­gen hat den Rück­ü­ber­tra­gungs­an­trag ab­ge­lehnt mit der Be­grün­dung, dass die Er­ben kein Ei­gen­tum er­wor­ben ha­ben, es sich im Üb­ri­gen auch nicht um ei­nen Ver­mö­gens­wert han­de­le und ei­ne un­lau­te­re Ma­chen­schaft nicht vor­lä­ge, da der Ei­gen­tü­mer ver­stor­ben sei, die Be­wirt­schaf­tung durch ihn nicht mehr fortge­set­zt wer­de und dem­ent­spre­chend die Rück­füh­rung der Wirt­schaft in den Bo­den­fonds vor­zu­neh­men sei. Au­ßer­dem hät­ten die Er­ben auf die Wirt­schaft ver­zich­tet, so­dass al­lein des­halb das Vor­lie­gen ei­ner un­lau­te­ren Ma­chen­schaft aus­schei­de.

2. Ver­zicht statt Tausch

Die Al­lein­ei­gen­tü­me­rin ver­starb im Jah­re 1981 und hin­ter­ließ den zu die­sem Zeit­punkt na­he­zu völ­lig er­blin­de­ten Ehe­mann so­wie vier Kin­der. Die Toch­ter, Mit­glied der ört­li­chen LPG, be­wirt­schaf­te­te die Flä­chen. Der Va­ter be­auf­trag­te den Schwie­ger­sohn, ei­nen An­trag auf Tausch mit ei­nem im Ei­gen­tum der LPG ste­hen­den Wohn­ge­bäu­de zu stel­len, da­mit er nä­her bei sei­nen Kin­dern woh­nen kön­ne. Der Tau­schan­trag wur­de ge­stellt und ein Be­sitz­wech­sel­pro­to­koll er­rich­tet mit dem In­halt, dass auf das Ei­gen­tum (an der ge­sam­ten Wirt­schaft) ver­zich­tet wer­de. Die­ses Pro­to­koll wur­de vom Ehe­mann der Ver­stor­be­nen so­wie ei­nem der vier Kin­der un­ter­schrie­ben. Auf die­ser Grund­la­ge wur­de die Grund­buch­um­schrei­bung zu Guns­ten des Vol­kes vor­ge­nom­men. Die Um­schrei­bung des an­de­ren Wohn­haus­grund­stü­ckes un­ter­blieb. Den­noch wur­de der Um­zug vor­ge­nom­men und der Wit­wer zahl­te Grund­steu­er für das von ihm be­wohn­te Wohn­haus­grund­stück und selbst­ver­ständ­lich kei­ne Mie­te. Erst im Jah­re 1990 stell­te sich he­raus, dass er nie­mals Ei­gen­tü­mer des Wohn­haus­grund­stü­ckes ge­wor­den ist, im Ge­gen­zug je­doch die ge­sam­te Wirt­schaft ver­lo­ren hat­te. Ei­ne ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung des ehe­ma­li­gen LPG-Vor­sit­zen­den so­wie des­sen Stell­ver­tre­ters be­stä­tigt, dass ein Tau­schan­trag vor­ge­le­gen hat­te, dem zwar die LPG zu­ge­stimmt hat­te, der je­doch wis­sent­lich nicht zur Aus­füh­rung ge­kom­men war.

Das Ver­mö­gens­amt sah kei­ne Maß­nah­me nach § 1 Ab­satz 3 Ver­mG, da ein An­spruch auf den Er­werb des Ei­gen­tums an dem Tausch­grunds­tück nicht vor­ge­le­gen ha­be. Feh­ler­haf­te Be­sit­zwech­sel die­ser Art wä­ren zwar nicht häu­fig, aber auch nicht ein Ein­zel­fall. Tat­sa­che sei, dass der Wit­wer ein die Rück­ga­be der Neu­bau­ern­wirt­schaft vor­se­hen­des Be­sit­zwech­sel­pro­to­koll un­ter­schrie­ben ha­be und im Üb­ri­gen die Rück­ga­be der Hofs­tel­le den Ver­lust der land­wirt­schaft­li­chen Flä­che nach sich ge­zo­gen hät­te. Da­bei sei es nicht er­for­der­lich ge­we­sen, dass die Ver­zichts­er­klä­rung von al­len Er­ben un­ter­schrie­ben wor­den wä­re, da dies der Rechts­wir­klich­keit in der DDR nicht ent­spro­chen hät­te und wei­ter­hin ge­mäß § 4 der Be­sit­zwech­sel­ve­rord­nung vom 07.08.1975 die Un­ter­schrift ei­nes Er­ben not­wen­dig ge­we­sen wä­re. Da­ne­ben wä­re die Re­ge­lung der Ei­gen­tums­ver­hält­nis­se im­mer nur durch die Kreis­bo­den­kom­mis­sion bzw. den Rat des Krei­ses vor­zu­neh­men. Schließ­lich sei der Wit­wer als Ehe­mann der ver­stor­be­nen Ei­gen­tü­me­rin auch als Bo­den­re­for­mei­gen­tü­mer der land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen an­zu­se­hen, so­dass es auf das Vor­lie­gen ei­ner Ver­zichts­er­klä­rung an­de­rer Per­so­nen erst recht nicht an­kom­me.

3. "Ent­eig­nungs­lis­te" der LPG

Meh­re­re Ei­gen­tü­mer, die aus­nahms­los auf ih­ren Wirt­schaf­ten ver­blie­ben wa­ren und die­se be­wirt­schaf­te­ten, er­fah­ren nach dem Bei­tritt zur Bun­des­re­pub­lik Deutsch­land, dass sie nicht mehr Ei­gen­tü­mer ih­rer Neu­bau­ern­wirt­schaft sind. Bei dem Grund­buch fin­det sich ein Rechts­trä­ger­nach­weis vom Mai 1961 zu­sam­men mit ei­ner Ver­zichts­er­klä­rung. Die Ver­zicht­ser­klä­rung ist im Ori­gi­nal mit Blei­stift un­ter­schrie­ben. Der Rechts­trä­ger­nach­weis be­zieht sich auf "Ei­gen­tü­mer: di­ver­se laut An­la­ge - Bo­den­fonds -". Das Grund­buch ent­hält ei­ne Lis­te von Ei­gen­tü­mern mit dem da­vor an­ge­brach­ten Zu­satz "für be­reits vom so­zia­lis­ti­schen Sek­tor der Land­wirt­schaft be­wirt­schaf­te­te Neu­bau­ern­wirt­schaf­ten, die noch im Grund­buch auf die Na­men ih­rer ehe­ma­li­gen Ei­gen­tü­mer ein­ge­tra­gen sind". Sämt­li­chen Ei­gen­tü­mern wur­de ei­ne Ver­zichts­er­klä­rung nie­mals vor­ge­legt, son­dern, wie sich eben­falls aus der Grund­bu­chan­la­ge er­gibt, wur­den die Weg­nah­men "laut Be­schluss" vor­ge­nom­men. Die Lis­te ist un­ter­schrie­ben vom Bür­ger­meis­ter der Ge­mein­de und von zwei Vor­stands­mit­glie­dern der LPG. Aus­schließ­lich auf der Grund­la­ge die­ser Un­ter­schrif­ten heißt es wei­ter im hand­schrift­li­chen Text der Grund­bu­chan­la­ge: "Der vor­ste­hen­de Vor­schlag und Über­tra­gungs­an­trag wird auf Grund der Ver­ord­nung Nr. 75 der ehe­ma­li­gen Lan­des­ver­wal­tung Meck­len­burg vom 28. März 1946 hier­mit be­stä­tigt und die Ein­tra­gung der LPG "X" als Rechts­trä­ger in das Grund­buch be­an­tragt." Die­se Ent­eig­nung be­zog sich auf 55 Ei­gen­tü­mer, de­ren Flä­chen in die glei­che LPG ein­ge­bracht wa­ren.

In die­ser Sa­che zieht das Ver­mö­gens­amt ei­ne un­lau­te­re Ma­chen­schaft über­haupt nicht in Be­tracht. Der An­spruch schei­tert be­reits an der An­nah­me, dass ein Ver­mö­gens­wert nicht vor­han­den sei. Das spä­ter be­müh­te Ver­wal­tungs­ge­richt regt drin­gend an, die Kla­ge zu­rück­zu­neh­men, da die Re­sti­tu­ti­on von Ver­mö­gen aus Bo­den­re­form nur bei Vor­lie­gen un­lau­te­rer Ma­chen­schaf­ten in Be­tracht kä­me, die je­doch nicht ge­ge­ben wa­ren. Nä­he­re Aus­füh­run­gen er­fol­gen nicht, da tat­säch­lich die Kla­ge zu­rück­ge­nom­men wur­de.

IV. Vor­lie­gen des Schä­di­gungs­tat­bes­tan­des nach § 1 Ab­satz 3 Ver­mG

Un­ter Macht­miss­brauch ist der zweck­wid­ri­ge Ein­satz staat­li­cher Macht­mit­tel zu vers­tehen, der in Form von Kor­rup­ti­on, Nö­ti­gung oder Täu­schung vor­lie­gen kann. Da­bei ist nicht aus­rei­chend, wenn es nur ob­jek­tiv "nicht mit rech­ten Din­gen zu­ge­gan­gen ist", son­dern er­fasst sind aus­schließ­lich die­je­ni­gen Fäl­le, in de­nen Per­so­nen im Ein­zel­fall dis­kri­mi­nie­rend behandelt wor­den sind, wo­bei die Dis­kri­mi­nie­rung ei­nen ge­wis­sen Schwe­re­grad er­reicht ha­ben muss. Blo­ße Ver­fah­rens­feh­ler rei­chen zur Be­grün­dung ei­nes An­spru­ches nicht aus. Grund­sätz­lich wer­den die­je­ni­gen Vor­gän­ge nicht er­fasst, bei de­nen - ge­mes­sen an den in der ehe­ma­li­gen DDR gül­ti­gen Rechts­vor­schrif­ten bzw. den all­ge­mein­ver­bind­li­chen Be­schlüs­sen und Richt­li­ni­en und den sie tra­gen­den ideo­lo­gi­schen Grund­vors­tel­lun­gen - al­les "mit rech­ten Din­gen zu­ge­gan­gen" ist (BVerwG VIZ 1995, 33 mit wei­te­ren Nach­wei­sen).Da­bei wird von §1 Ab­satz 3 VermG nicht er­fasst der Ver­zicht auf das Ei­gen­tum an ei­ner Neu­bau­erns­tel­le aus Bo­den­re­form­land bzw. des­sen rechts­ge­schäft­li­che Über­tra­gung nach Maß­ga­be der Ver­ord­nung über die Aus­ei­nan­der­set­zung bei Be­sitz­wech­sel von Bau­ern­wirt­schaf­ten aus der Bo­den­re­form vom 21.06.1951 bzw. 07.08.1975. Die Mo­da­li­tä­ten des Ei­gentums­ver­zichts als Fol­ge der feh­len­den Wei­ter­bewirtschaftung wa­ren in den Be­sit­zwech­sel­ver­ord­nun­gen aus­drück­lich vor­ge­schrie­ben und lo­gi­sche Kon­se­quenz aus dem zweck­ge­bunde­nen Ei­gen­tum. Ein Wie­der­gut­ma­chungs­an­spruch nach § 1 Ab­satz 3 Ver­mG kann bei Auf­ga­be der Be­wirt­schaf­tung nur dann in Be­tracht kom­men, wenn der Ei­gen­tü­mer des Bo­den­re­form­lan­des durch un­lau­te­re Ma­chen­schaf­ten ge­zwun­gen wur­de, die Be­wirt­schaf­tung auf­zu­ge­ben, wo­bei die un­lau­te­ren Ma­chen­schaf­ten di­rekt auf die Ent­zie­hung des Ver­mö­gens­wer­tes aus­ge­rich­tet ge­we­sen sein müs­sen (so VG Greifs­wald ZOV 1994, 408). Die Ein­wirkung auf die Wil­lens­ent­schlie­ßung und der Ver­lust des Ver­mö­gens­wer­tes müs­sen im Sin­ne ei­ner Zweck-Mit­tel-Rela­tion un­mit­tel­bar mit­ein­an­der ver­knüpft sein, so­dass nur ei­ne voll­stän­di­ge Wie­der­gut­ma­chung denk­bar sei.

Als wei­te­res Kri­te­ri­um für das Vor­lie­gen von Macht­miss­brauch muss hin­zu­tre­ten, dass die Ent­schei­dung in kei­ner­lei in­ne­rem Zu­sam­men­hang zu der ihr zu Grun­de lie­gen­den Er­mäch­ti­gung steht und der han­deln­den Be­hör­de dies auch be­kannt war. So liegt ein Macht­miss­brauch im Sin­ne ei­nes zweck­wi­dri­gen Ein­sat­zes staat­li­cher Macht­mit­tel et­wa dann vor, wenn sich ei­ne Ent­eig­nung als will­kür­lich er­weist, weil ein ge­setz­lich zu­ge­las­se­ner Ent­eig­nungs­zweck er­kenn­bar nur vor­ge­scho­ben war (BVerwG VIZ 1994, 185).

Ver­fah­rens­feh­ler kön­nen grund­sätz­lich nur dann Res­ti­tiu­tions­an­sprü­che be­grün­den, wenn sie kau­sal für den Ver­lust des Ver­mö­gens­wer­tes ge­wor­den sind, der selbst, un­ab­hän­gig von dem Ver­fah­rens­feh­ler, Aus­druck ei­ner be­son­de­ren Dis­kri­mi­nie­rung im Ein­zel­fall ist. Es reicht al­so nicht aus, wenn ein Ver­fah­rens­man­gel, auch wenn er be­son­ders schwer­wie­gend war, ur­säch­lich für ei­nen kon­kre­ten Ent­zugs­vor­gang ge­wor­den ist. Ein Re­sti­tu­ti­ons­an­spruch kann des­halb nur dann be­grün­det sein, wenn ein ent­spre­chen­der Ver­mö­gens­ver­lust in dem Ver­fah­ren zur Ent­zie­hung des Ver­mö­gens­wer­tes über­haupt nicht hät­te her­bei­ge­führt wer­den dür­fen, auch wenn die ver­fah­rens­recht­li­chen Vor­schrif­ten ein­ge­hal­ten wor­den wä­ren. Die - hy­po­the­ti­sche - Durch­set­zung des Ei­gen­tums­über­gan­ges selbst hät­te der ma­te­ri­el­len Rechts­la­ge wi­der­spre­chen müs­sen, da­mit ein Rück­über­tra­gungs­an­spruch an­ge­nom­men wer­den kann.

Das be­reits zi­tier­te Ur­teil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­rich­tes vom 28.06.1996 (BVerwG 7 C 8.95) stell­te fest, dass ei­ne un­lau­te­re Ma­chen­schaft im Sin­ne von § 1 Ab­satz 3 Ver­mG vor­lie­ge, wenn die Bo­den­re­form­wirt­schaft des Neu­bau­ern un­ter Vor­spie­ge­lung ei­nes ge­setz­li­chen Ent­zie­hungs­grun­des ent­zo­gen wur­de.
An Hand all die­ser Kri­te­ri­en sind die Vor­gän­ge in den ge­schil­der­ten Bei­spiels­fäl­len un­ter Zif­fer III zu prü­fen.

1. (er­zwun­ge­ne Ver­zichts­er­klä­rung)

Der im Jah­re 1986 ver­stor­be­ne Ei­gen­tü­mer und sei­ne Ehe­frau wur­den be­erbt durch die bei­den Söh­ne. Je­den­falls der in der Land­wirt­schaft be­reits tä­ti­ge Sohn, der zu­dem die da­zu­ge­hö­ri­ge Hofs­tel­le be­wohn­te, er­füll­te al­le Vo­raus­set­zun­gen der gel­ten­den Be­sitzwech­sel­ve­rord­nung vom 07.08.1975. Ge­mäß § 4 Abs. 1 trat je­den­falls er in die Rech­te und Pflich­ten des Erb­las­sers ein. Er hat­te auch kei­nen Zwei­fel da­ran ge­las­sen, dass er die Be­wirt­schaf­tung fort­set­zen wol­le, wo­rü­ber er auch mit dem Mit­er­ben Ei­nig­keit er­zielt hat­te. Den­noch wur­de er zur Auf­ga­be des Ei­gen­tums ge­zwun­gen.

Al­lein das An­sin­nen, die Wirt­schaft auf ei­nen Drit­ten über­tra­gen zu wol­len, der we­der in der Land­wirtsch­aft tä­tig noch LPG-Mit­glied war, war un­lau­ter. Dem Er­ben aber wi­der bes­se­ren Wis­sens vor­zu­spie­geln, dass bei­des der Fall sei, stellt be­reits ei­ne be­son­de­re Dis­kri­mi­nie­rung im Ein­zel­fall dar. Der­ar­ti­gen Ma­chen­schaf­ten wa­ren an­de­re Bo­den­refor­mei­gen­tü­mer nicht aus­ge­setzt. Ei­ne ent­spre­chen­de ge­setz­li­che Grund­la­ge war nicht vor­han­den, was sich auch al­lein da­ran zeigt, dass der Rat des Krei­ses zu Zwangs­maß­nah­men in Ge­stalt von Dro­hun­gen bis hin zu Miss­hand­lun­gen grei­fen muss­te, um die Un­ter­schrift zu er­zwin­gen. Die­ Ent­eig­nung wä­re näm­lich auf recht­li­chem We­ge nicht er­reich­bar ge­we­sen.

Un­ter Ein­hal­tung der ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen hät­te al­so der "Be­wer­ber" nie­mals die Wirt­schaft er­hal­ten kön­nen, was aber aus­schließ­lich das Ziel des Ra­tes des Krei­ses war. Ei­ne un­lau­te­re Ma­chen­schaft liegt da­mit zwei­fel­los vor.

2. (Ver­zicht statt Tau­sch)

Hier wird die un­lau­te­re Ma­chen­schaft noch deut­li­cher sicht­bar, da nicht nur ein Ver­fah­rens­feh­ler we­gen der nicht ge­leis­te­ten Un­ter­schrif­ten der Er­ben­ge­mein­schaft vor­ge­le­gen hat­te, son­dern da­ne­ben das stark be­ein­träch­tig­te Seh­ver­mö­gen des Er­klä­ren­den aus­ge­nutzt wur­de, um ihm ei­ne Er­klä­rung an­de­ren In­halts vor­zu­le­gen, die er un­wis­sent­lich un­ter­zeich­ne­te. Auch hier war ne­ben die­ser of­fen­kun­di­gen Täu­schungs­hand­lung fest­zu­stel­len, dass ei­ne ge­setz­lich vor­ge­se­he­ne Ent­eig­nungs­mög­lich­keit nur vor­ge­scho­ben war. Die Be­wirt­schaf­tung war zu kei­nem Zeit­punkt auf­ge­ge­ben wor­den, son­dern wur­de viel­mehr bis zum Jah­re 2000 fort­ge­führt von der Toch­ter. Es war so­gar durch die ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung da­mals be­tei­lig­ter Per­so­nen er­klärt wor­den, dass ei­ne will­kür­li­che Be­hör­den­maß­nah­me vor­ge­le­gen ha­be, die in kei­ner Wei­se der ur­sprüng­li­chen Ver­ein­ba­rung ent­spro­chen hat­te. Die Auf­ga­be der Be­wirt­schaf­tung war we­der er­folgt noch be­ab­sich­tigt, so­dass ein Ent­eig­nungs­zweck, der mit den ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen ge­deckt war, zu kei­nem Zeit­punkt be­stan­den hat­te.

3. (Ent­ei­gungs­lis­te)

In die­sem Fall er­weist sich das Vor­ge­hen des Staa­tes als be­son­ders macht­miss­bräuch­lich, da von den Vor­gän­gen, die zur Ent­zie­hung des Ei­gen­tums ge­führt ha­ben, die Ei­gen­tü­mer über­haupt nichts ge­wusst hat­ten. Hier hat­te man nicht ein­mal die Auf­ga­be der Be­wirt­schaf­tung be­haup­tet, son­dern die Ent­eig­nung wur­de vor­ge­nom­men, ob­wohl die Be­wirt­schaf­tung un­ver­än­dert durch die Ei­gen­tü­mer vor­ge­nom­men wur­de. Da­mit lag ein Ent­eig­nungs­zweck nicht ein­mal vor. Un­ter Be­ach­tung der ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen hät­te in sämt­li­chen Fäl­len nie­mals ei­ne Ent­eig­nung durch­ge­führt wer­den kön­nen.
Da­ne­ben wa­ren die Ver­zichts­er­klä­run­gen auch un­wirk­sam, da sie nicht von den je­weils vor­han­de­nen Ei­gen­tü­mern un­ter­zeich­net wa­ren. Es han­del­te sich al­so um ei­ne aus­schließ­lich will­kür­li­che Maß­nah­me, um die Grund­stü­cke in das Ei­gen­tum des Vol­kes zu über­füh­ren, ohne dass dies von jeg­li­cher Rechts­grund­la­ge ge­deckt ge­we­sen wäre.

V. Fa­zit

In sämt­li­chen vor­ge­nann­ten Fäl­len wur­de, wie be­reits be­schrie­ben, ein Macht­miss­brauch als schä­di­gen­de Maß­nah­me im Sin­ne des § 1 Ab­satz 3 Ver­mG von der je­wei­li­gen Ent­schei­dungs­be­hör­de ab­ge­lehnt. Da­mit dürf­ten all die­se Be­schei­de rechts­wid­rig sein mit der Fol­ge
der Rück­nah­me­mö­glich­keit nach § 48 VwVfG oder der Grund­buch­be­rich­ti­gung, so­weit die Vo­raus­set­zun­gen für die Grund­buch­um­schrei­bung nicht vor­ge­le­gen hatten.

Be­son­ders be­zeich­nend ist die Tat­sa­che, dass die Ver­mö­gens­äm­ter bei der Be­ur­tei­lung von Macht­miss­brauch grund­sätz­lich die kon­kre­ten Um­stän­de des zu ent­schei­den­den Ein­zel­fal­les nicht, zu­min­dest nicht aus­rei­chend be­ach­tet ha­ben, son­dern un­ter dem Vor­wand der Gel­tung der Be­sit­zwech­sel­ve­rord­nun­gen jeg­li­che Ver­mö­gen­sent­zie­hung recht­fer­ti­gen. Die ste­reo­ty­pe Behauptung, dass das Bo­den­re­form­ei­gen­tum mit dem Tod des Erb­las­sers un­mit­tel­bar in den staat­li­chen Bo­den­fonds und nicht in den Nach­lass fal­le (vgl. BVerwGE vom 27.02.1994,
Ak­ten­zei­chen: 7 C 230.92), brach­te ei­ne Viel­zahl von ge­schei­ter­ten An­trag­stel­lern zum Schwei­gen.

Erst die nä­he­re Aus­ei­nan­der­set­zung mit den Be­stim­mun­gen der Be­sit­zwech­sel­ve­rord­nun­gen in der je­weils gel­ten­den Fas­sung so­wie der kon­kre­ten Ver­fah­rens­vor­schrif­ten macht deut­lich, wie sich der Ent­eig­nungs­vor­gang tat­säch­lich zu­ge­tra­gen hat­te. Da­bei liegt ein Macht­miss­brauch z. B. dann vor, wenn die Ent­eig­nung er­folg­te, um den Neu­bau­ern zum Ein­tritt in die LPG zu be­we­gen (vgl. BVerwG vom 28.06.1996, s.o.) oder wenn ei­n über­le­ben­der Ehe­gat­te nach dem Tod des Ei­gen­tü­mers un­ter dem Vor­wand, er dür­fe das Haus nicht oh­ne den Acker be­hal­ten und um­ge­kehrt, ver­an­lasst wur­de, ins­ge­samt auf al­le Be­stand­tei­le der Wirt­schaft zu ver­zich­ten, selbst dann, wenn das Wohn­haus wei­ter be­wohnt oder die Acker­flä­che wei­ter hät­te be­wirt­schaf­tet wer­den wol­len. Zahl­rei­che Fäl­le von Nö­ti­gung, auch im straf­recht­li­chen Sin­ne durch Dro­hung mit ei­nem ge­sund­heit­li­chen Übel sind be­kannt, die zur Un­ter­zeich­nung von Ver­zichts­er­klä­run­gen ge­führt ha­ben, de­ren Prü­fung durch das Ver­mö­gens­amt eben­so wie in den hier zi­tier­ten Bei­spiels­fäl­len zu dem Er­geb­nis führ­ten, dass ei­ne un­lau­te­re Ma­chen­schaft nicht vor­lie­ge. Da­bei set­zen sich die Ver­mö­gens­äm­ter über die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­rich­tes und des Bun­des­ge­richts­ho­fes hin­weg. Die grund­sätz­li­che Ab­leh­nung der Res­ti­tuier­bar­keit von Bo­den­re­form­ei­gen­tum kann aber nicht mehr län­ger Be­stand ha­ben.

Im Üb­ri­gen soll ein Be­schwer­de­ver­fah­ren beim Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te in Straß­burg Klar­heit da­rü­ber brin­gen, dass die Ver­mö­gens­äm­ter grund­sätz­lich ei­ne Be­hand­lung der Bo­den­re­form nach den Vor­schrif­ten des Ver­mö­gens­ge­set­zes vor­zu­neh­men ha­ben, die sie bis heu­te mit der Ne­gie­rung ei­nes Ver­mö­gens­wer­tes und der Ver­erb­bar­keit ab­leh­nen. Erst wenn ge­klärt ist, dass Bo­den­re­form­ei­gen­tum als Ver­mö­gens­wert an­zu­se­hen und ver­erb­bar ist, sind die Ver­mö­gens­äm­ter ge­zwun­gen, sich ma­te­ri­ell mit dem Vor­lie­gen ei­ner un­lau­te­ren Ma­chen­schaft tat­säch­lich aus­ein­an­der­zu­set­zen, da erst dann der Schwer­punkt bei der Prü­fung ei­ner schä­di­gen­den Maß­nah­me ge­setzt wer­den muss.

Ca­the­ri­ne Wild­gans
Rechts­an­wäl­tin u. Me­dia­to­rin
Müh­len­stra­ße 2
18507 Grim­men
Tel. 038 326 / 44 06 / Fax 4408
e-mail ius@RA-Wild­gans.de